Alles ist ein Mehr aus Worten.

 

wir sitzen draußen
Gesprächsstoff weht herüber
Kleinlaute sind in aller Munde
und dazwischen
auch die großen übers Wetter
das dieses Jahr besonders anders ist
und über all das Andere
das auf AntWorte drängt

nebenan geht im Schatten des Baumes
gerade die Sonne weg bis zum Hals
und darüber hinaus
ist ringsum Kühle spürbar

der Kellner kommt
fragt nach weiteren Wünschen
nein danke alles gut
sagt der mit den Eisfüßen unterm Nachbartisch

Allesgut ist das Zweiwort des Tages
das den Einspruch kleinhält

selbst für die Biene
die ins halbvolle Glas Saft fällt
ist nicht alles gut
geschweige denn für den Augenblick
der das aushält
bis sich nichts mehr rührt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MB 2018

 

Stirndunkeln.

 

bei Anbruch der Dunkelheit
erstiegen wir die Sternwarte
noch auf der Wendeltreppe
war ein Schwindel spürbar
das Immerfort als Bewegungsmittel-
weg vom Boden nach ganz oben

durch den Spalt der Kuppel
drangen längst vergangene Ewigkeiten hinter unsere Stirn

[der Vorführer hatte die Taschenlampe vergessen
das Justieren des Spiegelteleskops
gelang ihm nur mühsam]



im Stillstand auf kleinstem Raum
wurden wir willkürlich zu Geduldigen

sahen die Gestirne ganz weit oben
spürten das Schweigen der Zeit
und im Restlicht unsere Unzulänglichkeit.

MB 2018

 

 

Absichtslos.

 

heute ging ich immerfort
mitten am Tag stand nur
die Sonne und die Lerche
über ihrer Brut
lärmte eine Dauerarie

ein Weg von vielen
führte mich zum Wiesenhang
dort blökten Schafe im Chor
ich trug Immergrün
auf den Lidern

und ein Muttertier
säugte seine Jungen
das Sehen wurde auf einmal
wie Gold durch die Rapsblüten
trat ich mir einen fußbreiten Weg

krümmte ohne Absicht
nur einen Halm

was daraus wird
und aus allen
diesen vielen Feldern und Wiesen
das zu erwägen
umging ich heute.

MB 2014

 

 

Sichtbildner.

 

sehe Gesichter im Baum

zwischen Wind und Stille

hackt einem eine Krähe ein Auge aus

ein anderes lacht

hat Blüten im Haar

 

immer weiter geht es

in Wachstumsschüben

die nie enden

wenn keiner das Urteil fällt

 

finden meine Augen

was sie erfuhren

täglich Gesichter

das eigene nicht

 

und Wind kommt auf

bewegt meinen Blick

bläst mir ins Gesicht

dass alles verschwimmt

zu einem Baum

den ich noch nie gesehen habe

 

Veränderung treibt mir Bilder aus

andre deutlich voran

jetzt ist es ein Zweig

er wiegelt Blätter auf

 

dort grün hier weiß

auf meinem Tisch

bietet sich offenbar die Gelegenheit

mich nicht aus den Augen zu verlieren.

MB 2011

 

 

sieben Atemzüge.

 

ich fülle meine Lungenflügel
mit sieben tiefen Atemzügen
lasse meine Schwere los

du kannst meiner Richtung folgen
mich am Flügelschlag erkennen
deine Zunge lösen
meinen Namen und mich Mädchen nennen

augenblicklich wirst du
ein weiser Mann
der nicht lügen kann
weiß Gott
den es nicht gibt
ob mein Puls der Schmerz der Zeit ist
der vergeht.

MB 2010

 

 

sieben Murmeln.

 

wir murmeln mit sieben Glaskugeln
du liest Federn auf
wir üben Federball
für den freien Fall

ich zaubre bunte Bänder
und werfe Schlangen in die Luft
damit fesseln wir einen Ballon
an unsre Fußfesseln
lassen alle Leinen los
und uns wie Drachen steigen

in dem Augenblick
wenn uns nichts mehr stört
was uns selbst gehört
und uns nichts beschwert
fliegen wir uns frei.

MB 2010

 

Zeitform.

 

knöchern ist sie
die zarte Decke
die einen Kern verbirgt
und Namen von Namenlosem
fest verhüllt

das Unermessliche
das nie Gesagte
wandelt darin
auf freien Füßen
wirbt um des Innenohres Augenmerk

 

verurteilt ist die Schale
die diesen Kern enthält
zur Endlichkeit

ist die Gefangenschaft vorbei
indem sie birst
zersplittert

löst sich das Unvergängliche
befreit

aus jeder Zeit.

MB 2009